wenn eine konferenz zum ökosystem-labor wird

Canons Future Book Forum rüstet die Verlagsbranche für Megatrends. Von Daniel Lenz

Das Future Book Forum bricht mit dem eingestaubten Konferenz-Format der Verlagsbranche und stellt das Ökosystem-Denken ins Zentrum – eine dringend benötigte Antwort auf sechs Megatrends, die das Publishing von außen umgestalten.

Brachial-Impuls, Potpourri, Prosecco: Ein Speaker, möglichst aus einer anderen, jüngeren Branche, gerne eine Art Dr. Doom, hält der Publishing-Welt mit markigen Worten den Spiegel vor – der Publishing-Welt gefällt das Spiegelbild natürlich so gar nicht. Anschließend folgt eine wilde Mischung an Einzelthemen, die für sich genommen interessant sind, aber so gar nicht zueinander passen. Abgerundet wird das Programm abends mit Prosecco in rauen Mengen, der vergessen lässt, wie schwach das Programm des Tages doch eigentlich war.

Nach dem geschilderten Prinzip  verlaufen nicht nur in der Publishingbranche seit Jahrzehnten die typischen Konferenzen und hinterlassen besonders bei eingeübten Konferenzbesucher:innen einen schalen Beigeschmack. So ist es sicher kein Zufall, dass die allermeisten Konferenzformate aus der Verlagswelt inzwischen eingestampft wurden. Denn bei den Besucher:innen hinterlässt dieses Prinzip meist mehr Staunen und Ratlosigkeit, als dass es für nachhaltige Anregungen für die eigene Praxis sorgt.

Highlights der Future Book Forum 2025 Keynotes

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Megatrends zwingen zur Neuausrichtung

Das Future Book Forum (FBF), im November in Poing in der Nähe von München bereits zum elften Mal von Canon veranstaltet, hob sich erfreulich vom eingeübten Muster ab – und lieferte tatsächlich wertvolle Impulse für die Publishing-Praxis. „Beyond books. Reinventing publishing ecosystems“, lautete das Thema des zweitägigen Kongresses, das die beiden FBF-Vordenker, der Unternehmensberater Peter Fisk und Jörg Engelstädter, European Business Development Manager und Gründer des FBF, mit Unterstützung ihres Beirates ins Zentrum gerückt haben.

Der Hintergrund: Die Verlagsbranche sieht sich sechs Megatrends ausgesetzt, die dazu führen, dass sie ihre Geschäftsmodelle maßgeblich ändern muss. „Das nächste Jahrzehnt wird nicht von schrittweisen Fortschritten geprägt sein, sondern von grundlegenden Veränderungen in der Funktionsweise der Welt“, weiß Peter Fisk, der die Megatrends skizziert hat. „Megatrends sind kein Hintergrundrauschen, sondern der Entwurf für die Zukunft. Von KI über die alternde Bevölkerung bis hin zum Klimakollaps und geopolitischen Brüchen – erfolgreich sein werden diejenigen Unternehmen, die sich als Reaktion auf die tektonischen Kräfte, die die Gesellschaft umgestalten, neu erfinden.“

Eine Antwort: Die gesamte Wirtschaft, darunter das Verlagswesen, entwickelt sich über traditionelle Branchen- und Produktgrenzen hinaus zu dynamischen Ökosystemen, die Kreative, Technologie, Communities und Geschäftsmodelle miteinander verbinden. Verlage, Druckereien, Kreative und andere Branchenakteure haben gerade vor dem Hintergrund der sechs Megatrends die Chance, sich auf das veränderte Umfeld einzustellen und gemeinsam erfolgreich zu sein – nicht als isolierte Akteure, sondern als vernetzte Partner, die gemeinsame Werte schaffen. „Von Silos zu Synergien“, brachte Ulrich Schätzl von Elanders das Kernprinzip auf den Punkt.

FBF: inspirierende Vorträge, innovative Diskussions- und Co-Creation-Formate

So weit, so gut: Das Canon-Team rund um Engelstädter und Fisk sind sicherlich nicht die ersten, die mit viel Routine ein gutes Leitthema für eine Konferenz entwickelt haben. Doch das Besondere am FBF setzt erst dort an: Den Organisator:innen ist es gelungen, dieses Leitthema (Business-Ökosysteme für die Publishingbranche) aus verschiedenen Seiten zu beleuchten und mit konkreten oder zumindest hypothetischen Beispielen auszustatten und in die Praxis zu überführen – durch inspirierende Vorträge sowie innovative Diskussions- und Co-Creation-Formate. Allein an dieser Stelle das komplette Bild zu zeichnen, würde den Rahmen sprengen, aber einige Aspekte im Überblick.

Geschäftliche Ökosysteme aus drei Blickwinkeln

Von der Theorie zur Praxis: Diese drei Referent:innen veranschaulichten die Bandbreite des Hauptthemas der Konferenz.

Megatrends und Ökosysteme

Megatrends und Ökosysteme

Zukunftsforscher und Konferenzmoderator Peter Fisk führte ein ins Thema, skizzierte die von ihm identifizierten Megatrends (weitere Infos) und zeigte, wie sich Business-Ökosysteme in diesem Umfeld positionieren (dazu das Interview mit Peter Fisk und Jörg Engelstädter in diesem Webmagazin). Allen gemein: die Verlagerung des Fokus vom Produkt zum Konsumenten, von der eigenen Branche zum Netzwerk, das Partner und Technologien rund um den Konsumenten vernetzt. Das Prinzip ist gar nicht so neu, laut Fisk hat bereits Disney sein Medienimperium um den Konsumenten aufgebaut, indem beispielsweise aus Filmen Themen-Freizeitparks abgeleitet wurden. Aber das Potenzial für andere Unternehmen ist nach wie vor enorm groß.

Von der Natur lernen

Von der Natur lernen

Saskia van den Muijsenberg von der Firma BiomimicryNL schlug den Bogen zur Natur und lud die Gäste dazu ein, die Prinzipien nachhaltiger Ökosysteme in der Natur zu finden (hier das Interview mit der Referentin). Denn: Nach ihrer Einschätzung ist der Dreiklang aus Kontext, Verbindung und Wandel der „Design Code“ der Natur – insbesondere der Wandel ist dabei entscheidend, da fluide Strukturen das „neue Normal“ sind. Statt viel Geld und Zeit für Management-Literatur zu investieren, so der Schluss, könnte der Spaziergang im Wald mindestens genauso inspirierend sein. Und dort kann man auch Beispiele für Disruption finden, wenn ein Waldstück nach einem großen Brand sich neu „erfindet“.

Digitale Ökosysteme beim Sportartikler

Digitale Ökosysteme beim Sportartikler

Christian Koeber, seines Zeichens Senior Director im Global Brand Development bei Adidas, gab einen Einblick, wie der Sportartikelhersteller Ökosysteme aufbaut, in denen Lieferanten, Einzelhändler, aber auch Sportler:innen nicht nur ein System gemeinsamer Werte schaffen, sondern auch neue Geschäftsmodelle zum Beispiel im Gaming Bereich aufs Gleis setzen. (dazu der Artikel, der sich schwerpunktmäßig mit dem Engagement von Adidas in der – rein digitalen – Gaming-Welt beschäftigt).

Vom Impuls zur Idee – die Ecosystem Jams

Eine Brücke zu bauen, um diese Impulse in die Praxis, hin zu ersten Ideen zu überführen, das war die Aufgabe von Julian Kawohl, Professor für Strategisches Management an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. Seine Firma Ecosystemizer hilft traditionellen Unternehmen dabei, wie digitale Ökosysteme zu denken und zu handeln. Seine These: Wollen Firmen nach den Grundsätzen „connected“, „digital“ und „sustainable“ operieren, wird ihnen das perspektivisch nur durch Kollaboration in einem Ökosystem gelingen. Der ehemalige Leiter der Strategieabteilung bei AXA Deutschland hat mit der „Ecosystem Strategy Map“ eine Vorlage geliefert, mit der Unternehmen ihre Rolle in neu entstehenden Wertschöpfungsnetzwerken finden oder bestehende Ökosysteme analysieren können – Kawohl untersuchte beispielsweise den Gitarrenhersteller Fender und Chipbauer NVIDIA, die längst ihre ursprüngliche Domäne verlassen und ihre Geschäftsmodelle ausgebaut haben (hier das Interview mit Julian Kawohl, hier mehr Infos zu seiner Ecosystemizer-Methode).

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Und mit eben jener „Ecosystem Strategy Map“ haben am ersten Tag der FBF-Konferenz dann direkt auch die Gäste in Gruppen Ideen für neue Produkte skizziert, die erst durch die Macht der Ökosysteme erfolgreich sein könnten. Anschließend wurden die Ideen auf der Bühne gepitcht und von einer sachkundigen Jury bewertet: Dalia Ibrahim, Verlegerin von Nahdet Misr, Jesús Badenes del Río, Verleger bei Planeta (hier ein Interview mit ihm zu den Chancen von Print on Demand), und Ecosystemizer-Erfinder Julian Kawohl. Was normalerweise Tage dauert, gelang bei Canon in wenigen Stunden, am Ende entstanden faszinierende Ideen, die nur darauf warten, tatsächlich ausgebaut zu werden. Btw: Am Ende gewann das Team von Tobias Ott (Pagina, Foto unten), das einen Chatbot für die Seelsorge älterer Menschen skizzierte, bei dem ein RAG-System auf die Ratgeber-Substanzen von Verlagen zugreift. Sein Credo: „Wir können nicht ChatGPT alleine diesen Job machen lassen!“

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Junge Unternehmen mit Ökosystem-Ansätzen – die Ecosystem Labs

Mindestens einen Schritt weiter, der Konzeptionsphase entwachsen, sind die Firmen, die sich im Rahmen der „Ecosystem Labs“ präsentiert haben – Unternehmen, deren Geschäftsmodelle über die Grenzen des klassischen Verlags oder Verlagsdienstleisters hinausgehen und Netzwerk- oder gar Ökosystem-Komponenten mitdenken. Einige Beispiele:

  • Hermann Eckel präsentierte die bei Pagina entwickelte Booxite-Publishing-Plattform, die das Ökosystem-Denken nutzt, um im kollaborativen Dialog mit anderen Unternehmen Print- und Digitalprozesse zu verschmelzen.

  • Dominik Haacke (Mediaprint Solutions) demonstrierte, wie die Digitalisierung von Produktdaten („Digital Product Passport“) eine Transparenz und Verfolgbarkeit der Produkte und somit auch eine tiefere und datengestützte Zusammenarbeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette des Publizierens ermöglicht.

  • Laura Werle und Julia Claren (SnackzAI) nutzen KI, um Content-Konsum in personalisierte und leicht verdauliche „Lern-Snacks" und kontextuelle Inhaltsangaben zu verwandeln. Durch die intelligente Kuratierung transformiert die Technologie die Auffindbarkeit von Buchtiteln, steigert das Engagement von Lesern und die Skalierbarkeit.

  • Ian Tomlin (Newton Day) und Andy Berg (Rhapsody) zeigten, wie der Publishing-Prozess und die Printproduktion durch KI in Verbindung mit Print-on-Demand optimiert werden können. Kosten und Durchlaufzeiten werden gesenkt und gleichzeitig werden die Kreativität und die Experimentierfreudigkeit der Produzenten für neue Buchanwendungen durch Automatisierung freigesetzt.

  • Deborah und Tobias Köngeter (WirbelWild) füttern eine Layout-Software mit Kundendaten und schaffen damit hochwertige personalisierte Printprodukte.

Von etablierten Publishing-Ökosystemen lernen

Während diese zuletzt genannten Beispiele teilweise noch im Start-up-Modus operieren und ihr Profil noch schärfen, haben andere Unternehmen bereits den Ökosystem-Gedanken breitflächig implementiert, und zwar bereits seit Jahren.

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Education-Gigant aus Ägypten

Der Nahdet Misr Verlag produziert nicht mehr nur Lehrbücher. Unter der Leitung von CEO Dalia Ibrahim (Foto) – laut Forbes gehört sie zu den 100 einflussreichsten Unternehmerinnen im Mittleren Osten – hat sich der 86 Jahre alte ägyptische Verlag zu etwas weitaus Ehrgeizigerem entwickelt: einem Ökosystem-Entwickler, der Ministerien, Schulen, EdTech-Start-ups, Arbeitgeber und Lernende in der gesamten MENA-Region miteinander verbindet (hier das Interview mit Dalia Ibrahim).

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„Spotify für Bücher“

Gelato, gegründet 2007 von Henrik Müller-Hansen (Foto), revolutioniert die traditionelle Printlogistik durch ein plattformbasiertes Print-on-Demand-Modell, das Peter Fisk als „Spotify für Bücher“ bezeichnet. Statt zentralisierter Massenproduktion mit hohen Lagerkosten, Überproduktion und globalen Transportwegen orchestriert Gelato ein Netzwerk von über 30 Ländern mit lokalen Druckpartnern: Druckprodukte werden erst produziert, wenn sie bestellt werden – und zwar beim nächstgelegenen Produktionsstandort. Dies eliminiert Inventarrisiken, reduziert CO₂-Emissionen um bis zu 90 Prozent und ermöglicht schnellere Lieferzeiten bei niedrigeren Kosten. Die Plattform mit der Mission „Production as a Service“ integriert sich nahtlos in E-Commerce-Systeme wie Shopify oder Etsy und demokratisiert den Zugang zur globalen Printproduktion: So können Kreative und zunehmend auch Verlage und Selfpublisher ohne Kapitalrisiko weltweit agieren, während etablierte Verlage durch datengetriebene Insights ihre Produktion optimieren können. Im Jahr 2021 wurde Gelato mit etwas mehr als 1 Milliarde Dollar bewertet und gilt damit als Einhorn der Verlagswelt. Hier das Interview mit Henrik Müller-Hansen.

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Druckdienstleister denkt dezentral

Elanders Print & Packaging ist Teil der börsennotierten Elanders-Gruppe aus Schweden, mit über 26 Niederlassungen, über 7000 Mitarbeitenden und 1,4 Mrd. Euro Umsatz (2024). Als Europas führender Digitaldruckdienstleister deckt Elanders zudem Offset- und Verpackungsdruck sowie buchbinderische Weiterverarbeitung ab und bietet Supply-Chain-Services und Fulfillment-Lösungen. Zur Frankfurter Buchmesse 2025 hat Elanders eine Kooperation mit dem größten Buchfilialisten im deutschsprachigen Raum, Thalia, bekanntgegeben. Kern der Zusammenarbeit ist ein Digitaldruckzentrum im neuen Thalia-Omni-Channel-Hub in Marl, das wie eine Art „invisible Library“ fungiert – streng nach dem Motto „Data is the new ink“. Auf Knopfdruck sollen dort als Daten vorrätige Bücher on Demand ab Auflage eins produziert werden, um schnell neue Geschäftsmodelle umsetzen oder auf eine Nachfrage reagieren zu können. Das Konzept richtet sich an Verlage und verspricht eine integrierte Lösung für Herstellung und Vertrieb von Büchern. Hier das Interview mit Ulrich Schätzl (Foto) von Elanders und Michael Then, der für Gräfe und Unzer das Projekt der personalisierten Kochbücher vorgestellt hat.

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„Die Chancen für Publisher sind riesig!“

Zurück zum Anfang: Die Konferenzen, die dem Prinzip Brachial-Impuls, Potpourri, Prosecco folgen, hinterlassen bei den Besucher:innen meist ein eher unbefriedigendes Gefühl: Dr. Dooms Brachial-Botschaft lässt sich so schnell nicht umsetzen. Und dem Potpourri an Einzelthemen fehlte es an praktischer Grundierung. Ganz anders das Fazit von Canons FBF. Durch die holistische Betrachtungsweise des Kernthemas Publishing-Ökosysteme – von der wissenschaftlichen Grundierung bis zum konkreten Einsatz in der Praxis – ist das finale Grundgefühl positiv bis hochmotiviert. Dalia Ibrahim versicherte: „Die Chancen für Publisher sind riesig!“ Gelato-Chef Henrik Müller-Hansen erklärte: „Ich habe noch nie mit so viel Zuversicht in die Zukunft des Publishings geblickt wie heute.“ Und Sonia Draga (Foto oben), polnische Verlegerin und Präsidentin der Federation of European Publishers (FEP), beendete das Event mit dem Ausblick: „Die Zukunft im Verlagswesen besteht darin, die menschlichen Aspekte und die Software (sie meint KI) zu kombinieren und diese Software zu nutzen, um unsere Arbeit effektiver zu gestalten und letztendlich kreativer zu sein!“

Über den Auor: Daniel Lenz ist seit 2017 beim DIGITAL PUBLISHING REPORT an Bord, als Chefredakteur steuert er die Content-Kanäle wie die Channel und das dpr magazin. Zuvor war der gelernte Journalist Leiter der Produktentwicklung und stv. Chefredakteur bei buchreport (Harenberg Kommunikation, damals SPIEGEL-Gruppe) sowie jahrelang für Firmen wie Verlagsgruppe Handelsblatt aktiv. Seit 25 Jahren verfolgt er die Entwicklungen in der Publishing-Branche.

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