Future Book Forum 25_298

„das verlagswesen steht vor seinem netflix-moment“

Henrik Müller-Hansen, CEO von Gelato, über die Neudefinition des globalen Verlagswesens durch bedarfsorientierten, lokalen Digitaldruck

„Die größte Herausforderung ist nicht die Technologie, sondern die Denkweise“, sagt Henrik Müller-Hansen, Gründer und CEO von Gelato (Website), der globalen Plattform für On-Demand-Produktion. In diesem Interview erklärt der Speaker des 2025 Future Book Forum von Canon, warum das jahrhundertealte Modell der zentralisierten Massenproduktion, der hohen Druckauflagen und Lagerbestände einem neuen Paradigma weicht: vernetzte Intelligenz, lokale Fertigung und Null-Bestands-Betrieb.

Anhand der Aktivitäten von Gelato in mehr als 30 Ländern zeigt er, wie KI-gestützte Infrastruktur die Wettbewerbsbedingungen zwischen Verlagsriesen und unabhängigen Kreativen angleicht und Backlists sowie Nischentitel erstmals rentabel macht. Müller-Hansen skizziert seine Vision für 2030, in der jede Auflage durch die tatsächliche Nachfrage ausgelöst, durch künstliche Intelligenz optimiert und lokal produziert wird – wodurch sich das Verlagswesen von einer statischen Branche zu einem lebendigen, lernenden Ökosystem wandelt.

Sein oberstes Ziel geht weit über das Verlagswesen hinaus: Er möchte die globale Fertigung neu definieren, sodass Megastädte das produzieren, was Megastädte konsumieren, und die Produktion näher an die Kunden bringen und gleichzeitig schneller, intelligenter und umweltfreundlicher gestalten.

„Die Zukunft der Produktion muss lokal, bedarfsorientiert und ohne Lagerbestände sein“, haben Sie einmal gesagt. Was sind derzeit die größten Herausforderungen auf diesem Weg?

Die größte Herausforderung ist nicht die Technologie, sondern die Denkweise. Seit über einem Jahrhundert sind Verlagswesen und Fertigung auf Größe optimiert: hohe Druckauflagen, zentralisierte Produktion und globale Logistik. Dieses Modell war sinnvoll, als Geschwindigkeit und Daten noch begrenzt waren. Aber in einer vernetzten Echtzeit-Welt zerstören die versteckten Kosten dieses Modells – ungenutzte Lagerbestände, lange Transportwege und Abfall – sowohl die Margen als auch die Nachhaltigkeit.

Der jetzt erforderliche Wandel führt von industrieller Effizienz zu vernetzter Intelligenz. KI und Software können bereits lokal, sofort und profitabel Nachfrage und Produktion miteinander verbinden. Die eigentliche Arbeit liegt in der Führung: Vorhersagen müssen durch Reaktionsfähigkeit ersetzt werden, und Intelligenz, nicht Lagerbestände, muss als neuer Treiber für Effizienz angesehen werden.

„Der Digitaldruck hat die Wirtschaftlichkeit des Verlagswesens neu definiert“

Welche neuen Produkte und Geschäftsmodelle werden durch Ihre Plattform und Ihren Fokus auf den digitalen (Buch-)Druck ermöglicht?

Der Digitaldruck hat die Wirtschaftlichkeit des Verlagswesens neu definiert. Ein Verlag muss nicht mehr 5000 Exemplare drucken und hoffen, dass sie sich verkaufen. Er kann jetzt ein einzelnes Exemplar profitabel drucken, überall auf der Welt, sobald eine Nachfrage besteht.

Dies stellt den Lebenszyklus eines Buches auf den Kopf: Backlists werden zu Evergreens, Nischentitel werden rentabel, und Autoren können Leser weltweit erreichen, ohne Lagerbestände oder Risiken. In vielerlei Hinsicht erlebt das Verlagswesen gerade seinen Netflix- oder Spotify-Moment – Daten, Personalisierung und sofortige Verfügbarkeit verändern die Möglichkeiten grundlegend.

Der westliche Buchmarkt zeigt sowohl eine Renaissance von Print-Produkten als auch einen Rückgang des Fokus auf Nachhaltigkeit. Wie gehen Sie damit um?

Die Renaissance von Print-Büchern, insbesondere bei der Generation Z, ist emotional gesteuert: Leser schätzen etwas Greifbares, Bleibendes. Aber Emotionen und Verantwortung können nebeneinander bestehen.

Die lokale On-Demand-Produktion macht den Druck von Natur aus nachhaltiger. Das Drucken in der Nähe des Lesers verhindert Überproduktion, reduziert Emissionen und schützt die Gewinnspanne. Nachhaltigkeit ist nicht mehr nur ein Marketingargument, sondern ein profitableres Geschäftsmodell.

Amazon, Spotify und andere verschmelzen Medienformate. Wie wird die Zukunft der Medienplattformen aussehen – und wie werden Print und Digital miteinander verflochten sein?

Die Trennung zwischen digital und physisch wird sich auflösen. Eine Geschichte könnte als Podcast beginnen, sich zu einer Community entwickeln und in einer gedruckten Sammlerausgabe gipfeln.

Zukünftige Plattformen werden nicht in Formaten denken, sondern in Ökosystemen. Print wird eine von mehreren Ausdrucksformen eines einzigen kreativen Prozesses sein, personalisiert durch Daten und KI. Deshalb ist Gelato kein Druckunternehmen, sondern eine Produktionscloud, in der jede kreative Idee lokal, auf Abruf und in jeder Form verwirklicht werden kann.

Welche Rolle spielt KI bei der Überbrückung dieser Welten innerhalb des Ökosystems von Gelato?

KI ist das Bindeglied zwischen digitaler und physischer Kreation. Sie automatisiert alles, was früher manuell erledigt wurde – von der Preisgestaltung und Beschaffung bis hin zur Optimierung von Arbeitsabläufen und Logistik.

In GelatoConnect lernt die KI kontinuierlich aus Millionen von Mikroaufträgen, um die Kostenschätzung, die Produktionsplanung und die Lieferung zu verbessern. Das Ergebnis sind weniger Fehler, schnellere Durchlaufzeiten und höhere Rentabilität.

Unsere Vision für KI ist nicht Theater, sondern Infrastruktur. Unsichtbar, skalierbar und transformativ. KI verwandelt Komplexität in Klarheit und Informationen in Intelligenz.

„Die erfolgreichsten Verlage werden diejenigen sein, die global agieren, aber lokal produzieren“

Die Buchbranche ist traditionell lokal und an Lizenzsysteme gebunden. Wie wird sich das ändern, wenn Gelato eine globale Reichweite ermöglicht?

Die Lizenzierung wird sich von festen Gebieten zu flexiblen Zugangsmodellen entwickeln. Wenn die Produktion überall lokal erfolgt, wird globale Reichweite reibungslos möglich. Ein deutscher Verlag kann die Nachfrage nach einer englischen Ausgabe in Singapur oder São Paulo sofort testen, ohne vorher drucken oder versenden zu müssen.

Wir arbeiten bereits mit multinationalen Verlagen zusammen, die Gelato nutzen, um einen globalen Katalog zu verwalten, der vor Ort gedruckt wird. Es ist nicht die Globalisierung, die die lokale Kultur ersetzt, sondern die lokale Kultur, die durch intelligente Distribution verstärkt wird.

Welche Werkzeuge und Fähigkeiten sind erforderlich, um globale Reichweite mit lokaler Authentizität in Einklang zu bringen?

Zwei Dinge: Datenkompetenz und lokales Einfühlungsvermögen. Daten ermöglichen Transparenz in einem globalen Netzwerk, lokales Einfühlungsvermögen sorgt für Relevanz und Vertrauen.

Genau das ermöglicht Gelato – Echtzeit-Analysen gepaart mit lokalen Produktionszentren. Die erfolgreichsten Verlage werden diejenigen sein, die global agieren, aber lokal produzieren und die Welt nicht als Hierarchie, sondern als Netzwerk betrachten.

Wie sehen Sie den Aufstieg von Selbstverlegern und Kreativen, die Gelato nutzen? Sind sie Innovationszentren, die Verlage im Auge behalten sollten?

Auf jeden Fall. Die Kreativwirtschaft – deren Wert mittlerweile mehr als 500 Milliarden Dollar beträgt – ist der Ort, an dem die nächste Generation von Geschichten entsteht.

Kreative sind die Forschungs- und Entwicklungslabore des Verlagswesens: Sie experimentieren schneller, verstehen ihr Publikum genau und setzen ihre Ideen innerhalb weniger Tage in Produkte um. Mit GelatoCreate können sie weltweit veröffentlichen, ohne Lagerbestände, ohne Vorabkosten und mit vollständiger kreativer Kontrolle.

Verlage, die mit Kreativen zusammenarbeiten, anstatt mit ihnen zu konkurrieren, werden völlig neue Märkte und Leserschaften erschließen.

Wie hilft Gelato kleineren Verlagen, mit globalen Giganten zu konkurrieren?

Indem es ihnen den gleichen Technologie-Stack zur Verfügung stellt. Gelato schafft gleiche Wettbewerbsbedingungen. Lokale Druckereien, kleine Verlage und einzelne Kreative haben alle Zugang zu derselben KI-gestützten Infrastruktur wie globale Unternehmen.

In der alten Welt erforderte Größe Kapital. In der neuen Welt ist Größe Software.

On-Demand-Produktion setzt voraus, dass die Leser bereits wissen, was sie wollen. Wie lösen wir das Problem der Auffindbarkeit in dieser überfüllten Landschaft?

Die Auffindbarkeit wird heute von Algorithmen bestimmt. Die meisten sind auf Aufmerksamkeit optimiert, nicht auf Tiefe. KI kann das ändern.

Durch die Anreicherung von Metadaten, die Verbindung von Communities und die Personalisierung der Entdeckung kann KI den Lesern helfen, Bücher zu finden, die für sie wichtig sind, und nicht nur solche, die gerade im Trend liegen. Die Zukunft des Verlagswesens besteht nicht nur darin, intelligenter zu produzieren, sondern auch intelligenter zu entdecken.

„Wir werden von einem inventarbasierten Verlagswesen zu einem intelligenten Verlagswesen übergehen“

Wie wird das Buch-Ökosystem im Jahr 2030 aussehen?

Bis 2030 wird das Verlagswesen vollständig vernetzt sein, von der Idee über die Produktion bis hin zur Auslieferung. Jeder Drucklauf wird durch die tatsächliche Nachfrage ausgelöst, durch KI optimiert und lokal produziert.

Wir werden von einem inventarbasierten Verlagswesen zu einem intelligenten Verlagswesen übergehen – schneller, sauberer und unendlich anpassungsfähiger. Die Gewinner werden diejenigen sein, die das Verlagswesen nicht als statische Branche betrachten, sondern als lebendiges, lernendes Ökosystem.

Was ist Ihre langfristige Vision für die weltweite Produktions-Cloud?

Megastädte sollten das produzieren, was Megastädte konsumieren. Das ist das unvermeidliche und vorteilhafte Ergebnis der rasanten Entwicklung der Produktionstechnologie, die jetzt durch KI beschleunigt wird. Da die Produktionskapazitäten immer lokaler, intelligenter und automatisierter werden, wird die Logik des globalen Handels neu geschrieben.

Unser Ziel ist es, die Art und Weise, wie die Welt produziert, zu verändern. Wir tun dies, indem wir ein einziges, intelligentes Netzwerk aufbauen, das die lokale On-Demand-Produktion für den globalen Handel ermöglicht.

Dabei geht es nicht nur um Bücher oder Druckerzeugnisse, sondern darum, die Art und Weise zu verändern, wie alle Produkte hergestellt und transportiert werden – näher am Kunden, schneller, intelligenter und umweltfreundlicher.

Das ultimative Ziel: die globale Fertigung für Mensch und Planet neu zu definieren, wobei Kreativität nachhaltig skaliert wird und Technologie das menschliche Potenzial verstärkt.

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Henrik Müller-Hansen ist Gründer und CEO von Gelato (Website). Henrik leitet eine globale Softwareplattform für die On-Demand-Produktion, die mit ihren Aktivitäten in über 30 Ländern die Fertigung neu definiert. Im Jahr 2021 sammelte Gelato 240 Millionen US-Dollar bei einer Bewertung von über 1 Milliarde US-Dollar ein.

Fotos: Canon