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wo bleibt das spotify der buchwelt?

Peter Fisk und Jörg Engelstädter vom Future Book Forum über die Zukunft des Verlagswesens, fehlenden Leidensdruck und warum die große Disruption noch aussteht

Seit über einem Jahrzehnt bringt das Future Book Forum von Canon Verleger und Drucker sowie andere Vertreter aus dem Verlagsgeschäft zusammen, um über die Zukunft der Branche zu diskutieren. Mit einem Beirat, dem Vordenker wie der Futurist Peter Fisk angehören, behandelt die jährliche Veranstaltung Themen wie „Die DNA des Buches“, Nachhaltigkeit und in diesem Jahr vor allem Geschäftsökosysteme. Aber wie kann eine traditionsreiche Branche radikale Veränderungen annehmen? 

Im Gespräch verraten Fisk und Forum-Organisator Jörg Engelstädter von Canon Europe, warum kultureller Widerstand nach wie vor das größte Hindernis ist, wie die Umwälzungen in der Musikindustrie warnende Lehren bieten und warum die Renaissance des Drucks unter jungen Leser:innen unerwartete Chancen birgt. Ihre ehrliche Einschätzung: Die Verlagswelt befindet sich noch immer in der Vinyl- und CD-Ära und wartet darauf, dass ihr iTunes- und Spotify-Moment kommt. 

Lassen Sie mich mit dem Prozess hinter der Veranstaltung „Future Book Forum” selbst beginnen. Wie entwickeln Sie die Themen, die Sie jedes Jahr auswählen – Ökosysteme, Communities, die DNA des Buches?

Jörg Engelstädter: Wir arbeiten mit einem internationalen Beirat, der bewusst unterschiedliche Perspektiven vereint: Peter Fisk als strategischer Vordenker, Dalia Ibrahim als führende Bildungsverlegerin aus Ägypten, Sven Fund als Digital- und Fachmedienmanager, Beatrice Klose als Generalsekretärin des europäischen Druckverbands Intergraf und Jesús Badenes als Vertreter der spanischen Verlagsgruppe Planeta. Gemeinsam analysieren wir über mehrere Monate Markttrends und strukturelle Veränderungen – daraus entwickelt sich das Jahresthema.

Der Prozess dauert etwa fünf Monate. Wir treffen uns in diesem Zeitraum regelmäßig, und das endgültige Thema entsteht in der Regel nach vier oder fünf Monaten.

Peter und ich setzen uns nach jeder Veranstaltung zusammen und fragen uns: Was soll als Nächstes kommen? Ich erinnere mich, dass Peter beim letzten Mal das Thema ‚Handprints‘ vorschlug – also die Idee messbarer positiver Wirkungen, die man in der Welt hinterlässt. Wir haben diese Idee unserem Team vorgelegt, und sie kamen mit der Antwort zurück, dass Verlage kein Problem mit Sustainability haben – sie haben ein Wachstumsproblem. Also fragten wir: Wie können wir wachsen? Diese Diskussion mit dem gesamten Beirat führte uns zu Ökosystemen.

Wichtig ist, dass wir zukunftsorientierte Menschen haben, die uns helfen, die richtige Strategie zu finden. Sie alle kommen aus unterschiedlichen Perspektiven und bieten uns so das breitere Spektrum, das wir brauchen. Für uns ist es, als würden wir mit Pflastersteinen einen Weg anlegen. Jedes Jahr kommt ein weiteres Element hinzu, und die Menschen beginnen zu verstehen, warum wir über diese Dinge sprechen.

Peter Fisk: Wir haben bereits 2015 eine Vision entworfen und darüber nachgedacht, wie die nächsten zehn Jahre aussehen würden. In einer Reihe von Workshops haben wir mit den Teilnehmern darüber gesprochen, wie sich die Verlagsbranche verändert – und mit Verlagsbranche meine ich Druck, Papierlieferanten, Leser, Kreative, einfach alle im Ökosystem.

Wir haben uns die großen Veränderungen im Laufe der Zeit angesehen und auch andere Branchen untersucht. Ökosysteme sind in vielen Branchen mittlerweile sehr verbreitet. Wir haben Beispiele wie Airbnb und Uber gesehen. Aber wenn man sich ein Unternehmen wie NVIDIA ansieht, das in den letzten drei bis vier Jahren erfolgreich geworden ist und heute ein 4,5-Billionen-Dollar-Unternehmen ist, dann liegt das daran, dass es ein Ökosystem rund um KI entwickelt hat. NVIDIA stellt eben nicht nur Halbleiter her, sondern hat ein komplettes KI-Ökosystem aufgebaut – von Software über Entwickler-Communities bis hin zu Partnerschaften  

Eine Erkenntnis war, dass die Verlagsbranche in dieser Hinsicht vielleicht etwas hinterherhinkt. Sie arbeitet immer noch mit einer linearen Denkweise. Veranstaltungen wie diese, bei denen Druckereien und Verlage zusammenkommen, sind einige der wenigen Orte, an denen man anfangen kann, über die gesamte Branche nachzudenken und nicht nur über Verlage oder Druckereien allein.

Jörg: An der Stelle ist es immer wichtig zu differenzieren, weil es „die Verlagsbranche“ gar nicht gibt. In den einzelnen Sparten wie Education/School,  Academic/Professional, Consumer/Trade, Children, aber auch in den verschiedenen lokalen Märkten gibt komplett unterschiedliche Challenges und Opportunites, an die sich die jeweiligen Verlage anpassen.

„Wenn die Gäste unsere Veranstaltung hier verlassen, sieht man, wie es in ihren Köpfen funkt“

Mit diesen Themen sind Sie immer ein Stück voraus: Ihre Mission ist es, die Verlagsbranche zu inspirieren, aber Ihre Themen sind oft zukunftsorientiert. Haben Sie jemals Themen ausgewählt, die im Nachhinein betrachtet nicht zum Thema passten, weil die Branche diesen Weg nicht eingeschlagen hat?

Peter: In jeder Branche, aber besonders im Verlagswesen, gibt es Vorreiter und Nachzügler. Einige Unternehmen haben eindeutig die Nase vorn. Sie sehen sich unsere Themen an und sagen: „80 % davon machen wir bereits.“ Sie sind fantastisch, weil sie die Anwendungsfälle sind, von denen man lernen kann. Aber man sieht auch die Mehrheit, die hinterherhinkt, und da stellt sich die Frage: Wie schnell können sie aufholen?

Besonders schwierig war ein Thema mit dem Titel „Die DNA des Buches“, es ging darum, wie sich die DNA des Buches eben verändert. Es war sehr schwierig, die Denkweise zu ändern, dass das Buch nicht im Mittelpunkt des Denkens steht. Als wir das 2017 gemacht haben – vor acht Jahren – haben wir darüber gesprochen, ob es um den Inhalt oder den Autor geht, aber nur sehr wenige Leute sagten: Leser, Verbraucher, Mensch.

Ich denke, wir sind jetzt auf einem guten Weg, aber das hat lange gedauert. Das gilt nicht nur für das Verlagswesen – jede Branche findet es sehr schwierig, von einer produktorientierten zu einer kundenorientierten Denkweise überzugehen. Insbesondere in einer greifbaren Branche ist es schwierig, in eher immateriellen Begriffen zu denken.

Jörg: 2017 war das schwierigste Jahr. Meine Kollegen fragten mich intern: „Was hat das mit Druck zu tun?” Das ist die Herausforderung. Zum Glück hatte ich die Unterstützung der Geschäftsleitung. Sie sagten: „Ja, wir machen das.“

Am Ende ist es immer inspirierend. Am Anfang ist es schwierig, aber wenn die Gäste unsere Veranstaltung hier verlassen, sieht man, wie es in ihren Köpfen funkt. Sie lächeln, sind voller Energie. Sie nehmen das mit nach Hause, und das ist wirklich positiv. Es sind die Dynamik und die Interaktion, die unsere Veranstaltung einzigartig machen – der Austausch zwischen Kollegen, die feststellen: „Oh, du hast das gleiche Problem?“ und „Wie funktioniert das bei dir?“

„Die Welt wird sich nie wieder so langsam verändern“

Was sind die wichtigsten kulturellen Hindernisse für traditionelle Verlage und Druckereien, um Ökosysteme zu akzeptieren?

Peter: Sie spüren den Schmerz nicht. Nicht genug. Die Welt verändert sich schneller als je zuvor, und sie wird sich nie wieder so langsam verändern, wie jemand einmal gesagt hat. Aber für viele Menschen ist es bequem, das zu tun, was sie schon immer getan haben.

Die Margen sinken für die meisten Partner im Ökosystem etwas, und der Markt für gedruckte Bücher hat sich stabilisiert. Aber die Menschen fühlen sich immer noch wohl dabei, weitgehend so weiterzumachen wie bisher. Um wirklich einen grundlegenden Wunsch nach Neuerfindung zu wecken, braucht man eine „burning platform“, wie wir im Englischen sagen – also eine akute Krisensituation, die zum Handeln zwingt. Und das ist nicht immer offensichtlich.

Ist es nicht frustrierend, dass eine Branche manchmal nur dann etwas unternimmt, wenn sie dazu gezwungen ist, anstatt aus eigenem Antrieb zu reagieren?

Jörg: Ich denke, Dalias Präsentation hat gezeigt, wie es aussehen könnte, und sie ist Verlegerin. Es gibt andere Verleger, die ihr Geschäft weniger klar fokussiert betreiben, eher ihrer Passion statt wirtschaftlichen Kennzahlen folgend. Potentiale von neuen Technologien werden daher oft nicht gesehen oder genutzt.

Mit Blick auf Dalias Best-Practices aus der MENA-Region muss man fairerweise sagen, dass wir in Europa ein Problem im Bildungsbereich haben – das ist auch ein Thema für das Kulturministerium, daher ist es ein langer Prozess, etwas zu ändern. In einigen Bereichen gibt es gesetzliche Grenzen. Aber: Ich glaube, der Schmerz ist noch nicht groß genug.

Aus Sicht des Verlagswesens brauchen wir eine vielfältigere und wirtschaftlich abwechslungsreichere Verlagswelt – viel mehr kleine und mittlere Verlage. Die großen arbeiten bereits mit diesen Konzepten. Ich erinnere mich, dass Christian Schumacher-Gebler von Bonnier bei der ersten Veranstaltung sagte, dass sie Kreativitätsworkshops anbieten. Penguin Random House macht etwas Ähnliches. Aber unsere Veranstaltung sollte auch kleine und mittlere Verlage inspirieren: „Hey, das könnte ich auch machen.“

Peter: Wir befinden uns immer noch in der Welt von EMI, Sony und Polydor – den traditionellen Musiklabels –, in der Welt der Schallplatten und CDs. Wir haben noch keine wirklich große Umwälzung erlebt. Sie werden sich wahrscheinlich erst ändern, wenn iTunes und Spotify kommen. Dies wird die Branche aufrütteln.

„Wenn das echte iTunes oder Spotify der Buchwelt kommt, wird das die Menschen aufrütteln“

Wenn man darüber nachdenkt, was wir in Büchern in Bezug auf Inhalt, Geschichtenerzählen oder Bildung veröffentlichen, ist das ein viel, viel größerer Markt als Bücher allein. Er ist um ein Vielfaches größer. Fallstudien wie die von Dalia zeigen, dass man sich nicht auf Bücher oder sogar Bücher-Plus beschränken muss. Dalia kann ein Bewertungssystem für Lehrer, Schüler und Schulen schaffen – eine Infrastruktur für Bildung, nicht nur für Bildungsbücher.

Wenn man den Rahmen dessen, was man tut, verändert, hat man diese riesige Chance auf Wachstum mit viel höheren Margen. Kulturell und mental geht es um diesen Rahmen: In welcher Branche sind Sie tätig?

Jörg: Deshalb ist es, wie Julian Kawohl gesagt hat, wichtig, von einem menschenzentrierten Standpunkt auszugehen. Wenn man in Begriffen wie Büchern denkt, ist man auf den Rahmen des Buchverlagswesens beschränkt. Wenn man an Menschen denkt, setzen sie sich solche Grenzen nicht. Sie wollen einfach nur lernen, Spaß haben, reisen oder was auch immer sie tun wollen, und sie wollen dabei Unterstützung, um es besser zu machen.

Peter, Sie haben einen Bericht über Megatrends für 2035 geschrieben und sechs Zukunftstreiber entworfen. Welcher davon wird den größten Einfluss auf das Verlagswesen haben?

Peter: Entscheidend ist wohl, dass sie alle auf unterschiedliche Weise Einfluss haben werden. Zunächst würde man vermuten, dass der technologiebezogene Trend – exponentielle Intelligenz – den größten Einfluss haben wird. Aber ich denke, dass sie alle einen Einfluss haben werden.

Das asiatische Jahrhundert wird wahrscheinlich den größten Einfluss auf das Umsatzwachstum haben. Wir vergessen, dass drei Viertel der Weltbevölkerung im Osten und nicht im Westen leben. Drei Viertel der Weltbevölkerung verfügen über ein steigendes verfügbares Einkommen, mehr Ambitionen und einen höheren Bildungsstand. Sie wollen lernen, lesen und unterhalten werden wie nie zuvor. Das ist die große Wachstumschance.

Gleichzeitig verändert sich die Bevölkerungsstruktur – ältere Menschen haben Zeit zu reisen, nachzudenken und sich in Gemeinschaften zu vernetzen, und junge Menschen möchten dies auf unterschiedliche Weise tun. All diese Trends laufen zusammen.

Es ist verlockend, die Technologie zu nennen, da sie den Funken für Innovationen liefern wird, aber der Wachstumsmotor – um wirklich größer zu werden – wird eine internationale Perspektive sein. Für europäische Verlage und Druckereien ist dies eine Gelegenheit, das, was sie bisher getan haben, auf innovativere Weise in neue Märkte zu bringen.

Aber wenn wir nicht aufpassen, werden chinesische Verlage oder Druckereien die Spotifys und iTunes schaffen, die den Markt revolutionieren. Europäische Akteure, die traditionell führend waren, müssen über ihre eigene Peer-Gruppe hinausblicken und darüber nachdenken, wer die Vorreiter sind – die Menschen, die zehn Jahre vorausdenken und  jetzt bereits den Sprung wagen.

Was wäre, wenn türkische Verlage deutsche Kunden ansprechen würden?

Das Ökosystem-Denken legt nahe, dass die Internationalisierung im Buchgeschäft heute aufgrund dezentraler Drucksysteme einfacher ist. Könnten wir erleben, dass asiatische Unternehmen weltweite Rechte anstelle von regionalen Lizenzen erwerben?

Jörg: Auf jeden Fall, und das eröffnet verschiedene Möglichkeiten. Vor vier Wochen war ich in Istanbul, um mich mit einem Buchdrucker und einem Verleger zu treffen. In Deutschland leben mehr als eine Million Türken, davon etwa 200.000 in Berlin. Ein Verlag in Istanbul könnte Bücher in Deutschland zu einem höheren Preis verkaufen – vielleicht vier oder fünf Euro in Istanbul, aber zehn oder zwölf in Berlin, weil das Einkommensniveau unterschiedlich ist. Das ist ihre Chance. Eine dezentrale Buchproduktion kann sich also an den Buchpreisen in anderen Märkten orientieren – und das kann zu höheren Preisen führen.

Peter, Sie sind Autor von zehn Büchern. Welche Erfahrungen haben Sie mit dem aktuellen System gemacht?

Peter: Meine Bücher werden in der Regel in Auflagen von 5.000 bis 10.000 Exemplaren im Offsetdruck gedruckt, von Wiley in Großbritannien veröffentlicht und in China gedruckt. Sie beginnen also in China, werden nach Großbritannien verschifft, wo Wiley sein Lager hat – aber der Großteil meiner Aktivitäten findet in Asien statt.

Wenn ich zu einer Konferenz in Singapur fahre und dort 2.000 Exemplare bestellt werden, müssen die Bücher zurück nach Singapur verschifft werden. Sie kommen nie rechtzeitig an, weil sie vier Wochen brauchen und nicht genug Zeit haben, um den Zoll und den Versand zu durchlaufen. Meistens bleiben sie irgendwo stecken. Das ist ein Misserfolg. Der Verlag verpasst Umsatz.

Es klingt so einfach, Print-on-Demand zu nutzen und ein verteiltes lokales Druckernetzwerk zu haben. Aber viele große Verlage sind davon noch meilenweit entfernt.

Impressionen vom Canon Future Book Forum 2025

Werden Sie Ihr nächstes Buch selbst veröffentlichen?

Peter: Möglicherweise, und das würde auch für mich eine Veränderung bedeuten. Heute vediene ich den größten Teil meiner Einnahmen nicht mit Tantiemen aus den Buchverkäufen, sondern aus dem Verkauf von Sprachrechten. Meine Bücher werden in der Regel in etwa 35 Sprachen übersetzt, und die Beträge, die ausländische Verlage für die Rechte an meinen Hauptverlag zahlen, liegen deutlich über den Tantiemen – zum Teil um ein Vielfaches.

Bei einer Selbstveröffentlichung würde ich diese Rechte verlieren, wenn ich selbst übersetze. Gleichzeitig hätte ich aber eine wesentlich höhere Marge und vor allem einen direkten Zugang zu meinem Publikum. Für mich steht ohnehin weniger das einzelne Buch im Mittelpunkt, sondern das, was Leserinnen und Leser daraus machen können.

„Das Buch ist nur der Ausgangspunkt, der eine Idee in ihren Köpfen auslöst“

Das Buch ist nur der Ausgangspunkt, der eine Idee in ihren Köpfen weckt. Sie wollen etwas damit anfangen. In meinem Fall wollen sie bessere Geschäfte machen – eine neue Strategie entwickeln oder Innovationen vorantreiben. Das Buch ist in der Regel nur der Ausgangspunkt für das, was der Nutzer tun möchte.

Wenn Verlage  ihnen helfen können, besser zu arbeiten oder besser zu reisen, ist das eine große Chance. Aber dafür müssen sie eine Verbindung zum Endverbraucher haben.

Sprechen wir über eine Erfolgsgeschichte: America's Test Kitchen. Wie veranschaulicht das Ihre Aussage über Communities?

Jörg: America's Test Kitchen begann als Magazin, wurde dann zu einer Fernsehsendung und schuf schließlich ein ganzes Universum. Wir haben bei unserem FBF darüber gesprochen, als wir 2019 über Communities diskutierten. Ihr Kern ist das Kochen – sie sind Experten im Kochen, wie Küchengötter in Deutschland. Sie haben Testküchen für die besten Pfannen, Töpfe und Bestecke. Heute bieten sie sogar Kreuzfahrten mit Kochkursen an. Das ist wirklich cool, aber man muss mutig sein, um ein solches Universum zu schaffen. Wie Dalia heute Morgen gesagt hat: Überlegen Sie sich, was Ihr Kernwert ist, wohin Sie ihn bringen wollen und wer die Menschen in Ihrem Ökosystem sind.

Peter: Der Wandel und das Wachstum werden nicht nur in Büchern stattfinden – es geht um „und Bücher”. Wie kann man ein Buch erstellen und es mit einem Extra verkaufen? Das hat America's Test Kitchen gemacht. Das Publikum liebt das Kochen und vertraut der Marke, also geht es nicht um Bücher – das Publikum und die Community von Menschen mit Leidenschaft sind bereits da. Dann fügt man dieser Geschichte Bücher hinzu.

Genau das machen Verlage, wenn sie auf Basis eines Netflix-Films ein Buch konzipieren. Das hat Walt Disney gemacht – er hat mit Mickey Mouse und Donald Duck angefangen und dann Themenparks, Filme und so weiter hinzugefügt. Es ist effektiver, bereits existierende Welten zu ergänzen, für die sich die Menschen begeistern und in denen es eine fertige Community gibt, als sich ein Buch auszudenken und jemanden zu finden, der es kauft.

Wie Megatrends die Verlagswelt verändern

Analysen und Prognosen von Peter Fisk

Auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse haben wir gesehen, wie sehr junge Leser an gedruckten Büchern hängen. In dieser Welt der Young - und New-Adult-Literatur scheint das Phänomen der Fangemeinde entscheidend zu sein.

Jörg: 2016 haben wir darüber gesprochen, das Buch neu zu erfinden, und wir haben Ideen zum Verkauf und Verschenken an Fans entwickelt. Ein Buch hat einen Wert und verbindet den Leser über soziale Medien.

Vor zwei Jahren habe ich in Frankfurt Menschen gesehen, die eine Stunde lang in der Kälte gewartet haben, nur um ein Autogramm in ein Buch zu bekommen. Das liegt daran, dass wir die Leser auf eine andere Art und Weise erreichen – wir geben ihnen mehr als nur das gedruckte Buch. Sie haben über soziale Medien eine Beziehung zum Autor und werden Teil seines Universums.

„Wir haben Daten, die es uns ermöglichen, viele Nischen zu erreichen“

Peter: Wir verkaufen Bücher falsch und verpassen so  enorme Gewinnspannen. Wenn man sich das gedruckte Buch wie die Vinylplatte von heute vorstellt, wird es zu etwas Besonderem. Wir verschenken Bücher, teilweise für zehn oder zwanzig Euro, aber wenn die Leute etwas Sammelbares oder Besonderes wollen, sind sie bereit, viel mehr zu bezahlen.

Paul Weller von The Jam veröffentlichte seine Autobiografie und verkaufte sie über Paul Smith-Modegeschäfte – nicht über Buchhandlungen – für 120 Euro pro Stück. Für dieses Publikum, für das eine Jacke von Paul Smith 400 bis 500 Euro kostet, sind 120 Euro nicht teuer. Es ist ein relativer Wert im Kontext.

Verlage werden sagen: „Das ist eine Nische”, aber wir haben Daten, die es uns ermöglichen, viele Nischen zu erreichen. Jeder Markt besteht eigentlich aus vielen Nischen und nicht nur aus Durchschnittsverbrauchern. Faule Verlage sehen den Massenmarkt als ihr Publikum, weil sie nicht bereit sind, sich zu personalisieren.

Manche Menschen wollen natürlich Trivialliteratur zu einem niedrigeren Preis – das ist wie beim Herunterladen von Musik oder beim Streaming. Aber für Menschen, die etwas viel mehr schätzen, wird das gedruckte Buch zu etwas, das sie wertschätzen und das viel größere Margen haben könnte. Es ist kein Luxus – es ist für die Person von Bedeutung.

Jörg: Es gibt zwei junge Frauen aus Mailand, die Heloola gegründet haben. Dieser Buchclub beginnt mit einem sorgfältig ausgewählten Buch aus der Liste des Monats, die sowohl italienische als auch internationale Neuerscheinungen enthält. Jeder Abonnent hat die Möglichkeit, das Buch je nach Abonnement entweder als Papierbuch oder als E-Book direkt nach Hause geliefert zu bekommen. Nach Erhalt des Buches können die Abonnenten in der digitalen Bibliothek darauf zugreifen. Das Buch wird von exklusiven Inhalten begleitet, wie z. B. ausführlichen Videos, Interviews mit Autoren und einzigartigen Leseempfehlungen. Es handelt sich also um Bücher mit Mehrwert. Wir müssen viel offener sein.

Wir brauchen auch mehr Daten und müssen analysieren, wonach die Leute bei Google suchen, was die nächsten Produkte sein könnten, was die aktuellen Themen sind. Vielleicht könnte einer dieser Backlist-Titel der nächste Bestseller werden. Aber im Moment ist es wie beim Angeln – man wartet einfach darauf, dass ein Fisch an der Angel anbeißt.

„Digitaldruck ist nachhaltig, wirkt sich positiv auf den Gewinn aus und wird von den Menschen nicht ausreichend genutzt“

Letzte Frage: Wenn Sie einem Verlag einen einzigen Bereich nennen könnten, in den er in den nächsten zwei oder drei Jahren vorrangig investieren sollte, welcher wäre das?

Peter: Lebenslanges Lernen. Bildung als etwas betrachten, das sich über die Zeit hinweg fortsetzt, nicht nur im Schul- oder Universitätsalter. Zum lebenslangen Lernen könnte man auch dazuzählen, wie man besser kocht, gesünder lebt, schneller läuft – was auch immer. Es geht darum, in die Lösung der Herausforderungen der Gemeinschaft zu investieren, nicht in Bücher oder KI oder Drucksysteme an sich.

Dalia ging von den Bildungsbedürfnissen der Verbraucher aus und überlegte dann, wie sie all diese Dinge zusammenbringen könnte. Ihre Investitionen konzentrierten sich ausschließlich auf Dinge, die zur Lösung des Bildungsproblems beitragen und durch ihr Ökosystem eine umfassendere Lösung schaffen.

Man muss nicht in Unternehmen investieren oder sie besitzen – man kann dies auch durch Zusammenarbeit erreichen. Aber Investitionen verschaffen einem Exklusivität und einen deutlichen Wettbewerbsvorteil. In vielen Fällen geht es eher um die richtige Strategie und die richtige Idee als um Geld.

Jörg: Ich stimme Peter in seiner Analyse zu. Dennoch, als Vertreter von Canon – einem Lösungsanbieter im Bereich Digitaldruck und Partner der Druckdienstleister – liegt unsere Priorität naturgemäß in der massiven Investition in die Digitalisierung der Buchproduktion.

Und das meine ich ganzheitlich: Es geht um die Herstellung des gedruckten Buches selbst, aber ebenso um die vor- und nachgelagerten Prozesse in Verlagswesen, Vertrieb und Logistik. Ich sehe ein enormes Potenzial, wenn wir Digitalisierung und KI-Anpassung in Verlagsprozessen mit den Möglichkeiten von Print-on-Demand (POD) und intelligentem Vertrieb kombinieren. Ich bin überzeugt, ein Ökosystemansatz wird die gesamte Buchbranche in die Lage versetzen, dieses Potenzial zu heben – besonders für die vielen KMUs, die den europäischen Markt prägen. Hier sprechen wir nicht nur über Wirtschaftlichkeit, sondern ganz klar auch über Vielfalt und Nachhaltigkeit.

Publishing 2030 Accelerator: der Turbo für die Nachhaltigkeit in der Buchbranche

Die Initiative konzentriert sich auf den Ausbau eines globalen Digitaldrucknetzwerks, um die Überproduktion von Büchern und den Versand zu vermeiden. Ein Update. 

Das Beispiel der Nahdet Misr Verlagsgruppe in Ägypten ist hier eine echte Inspiration. Sie bauen mit neuen Partnern – insbesondere Start-ups – innovative Ökosysteme auf. Lernende, vom Kindergarten bis zur Erwachsenenbildung, haben hochgradig unterschiedliche Bedürfnisse. Und um einzigartige, individualisierte Lernpfade zu schaffen, sind Daten, Digitalisierung, der Einsatz von KI und die Nutzung aller Medienformate, einschließlich Print, absolut entscheidend. Die Rolle gedruckter Lernmaterialien muss in diesen Pfaden neu definiert werden. Und genau hier bieten Digitaldruck, POD und personalisierte Materialien innovative Anwendungen und Lernerlebnisse.

Auf der FBF 2025 stießen wir auch im Bereich Ratgeber auf ein neues Geschäftskonzept. Gräfe und Unzer, Deutschlands führender Kochbuch- und Ratgeberverlag, präsentierte das Konzept „My Book“, das hochwertige Inhalte mit personalisierten Büchern kombiniert, um Erlebnisse zu schaffen, die weit über das Übliche hinausgehen und für Verlage, Käufer und Leser eine echte Wirkung haben.

Wir sehen aktuell auch vermehrt Investitionen in POD seitens der Verlage und anderer Akteure. Ein Beispiel: Eine große Verlagsgruppe hat eine eigene digitale Buchproduktion eingerichtet. Das Ziel ist klar: agiler sein, schneller auf Nachfrage reagieren und das Lagerrisiko minimieren. Oder denken Sie an die angekündigte Zusammenarbeit zwischen dem Druckdienstleister Elanders Print & Packaging und Thalia, einer der größten Buchhandelsketten in Deutschland. Sie planen gemeinsam eine POD-Produktion direkt im Distributionszentrum des Einzelhändlers.

Ich bin jedoch überzeugt, dass das Potenzial der Digitalisierung, der Einführung von KI und von POD noch wesentlich größer ist. Wir bei Canon möchten gemeinsam mit unseren Partnern aus der Branche, insbesondere kleinen und mittleren Verlagen, den Zugang zu diesen Technologien erleichtern und die effiziente Nutzung ermöglichen.

Uns ist natürlich bewusst, dass es für Verlage eine große Herausforderung bleibt, die potenzielle Nachfrage nach hohen Auflagen zu bedienen und gleichzeitig die Lagerbestände zu reduzieren. Kanäle wie BookTok führen dazu, dass bestimmte Titel unerwartet zu Trend-Titeln werden und kurzfristig hohe Auflagen notwendig sind. Teilweise rückläufige Druckkapazitäten und geringere Papiervorräte führen in vielen Ländern zu langen Lieferzeiten. Verlage können diese kurzfristige Nachfrage dann nur schwer bedienen. Die Folge: Verlage bauen weiterhin große Lagerbestände auf, weil das Risiko, Umsätze zu verpassen, einfach zu hoch ist.

Aus unserer Sicht bietet hier ein verteiltes POD-Netzwerk für Bücher viele Möglichkeiten, dieses Problem zu lösen: Die Produktion größerer Auflagen kann auf verschiedene Dienstleister verteilt werden, der digitale Buchdruck ermöglicht schnelle Durchlaufzeiten, und die Transportwege zum Point of Sale werden verkürzt.

Ein wichtiger Nebeneffekt dieser Investitionen in die Infrastruktur: Sie verbessern auch die Nachhaltigkeit des Buchgeschäfts. Ein solches Modell ermöglicht signifikante Einsparungen bei Abfall, der Entsorgung von Lagerbeständen und den Emissionen durch Transport und Versand.

Jörg Engelstädter
Peter Fisk

Jörg Engelstädter ist  European Business Development Manager und Gründer des Future Book Forum, das jährlich Vertreter:innen aus Verlagen, Druckereien und andere Vordenker der Publishing-Welt zusammenbringt, um die Zukunft der Branche zu erörtern.

Peter Fisk ist Unternehmensberater, Autor von zehn Büchern, die in 35 Sprachen übersetzt wurden, und Mitglied des Beirats des Future Book Forum von Canon.