elftausend mal auflage 1

Beim Main Druckservice sind Printbuyer und PSP Prozesspartner

Wer glaubt, ein leidenschaftlicher Drucker könne nur jemand sein, der zünftig gegautscht wurde, der hat die Hamburger Brüder Armin und Nicolas Kuhse noch nicht kennengelernt.

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Published: 15.10.2026  |  Bilder: MAIN Druckservice. Video: Canon.

Dabei herrscht in ihrem Drucksaal die cleane Nüchternheit eines durchrationalisierten, IT-gesteuerten Betriebes. Und die kontrollierenden Blicke fallen auf Bildschirme statt durch Fadenzähler und Typometer. Auflage 1 heißt das Existenzprinzip von Main Druckservice – und das über zehntausendmal am Tag. Elftausendmal am Tag muss auch der Maschinenpark zuverlässig funktionieren und zuverlässig zusammenspielen. Und die IT – daher haben die Kuhses ein ganz selbstständiges IT-Unternehmen neben die Druckerei gesetzt.

Nicolas Kuhse erzählt, wie der Main Druckservice und seine Unternehmer ticken.

Wie wir hier gelandet sind

Wir kommen nicht aus dem Druck. Nicht ein bisschen. Mein Bruder Armin hat bei Airbus Wirtschaftsingenieurwesen studiert, ich habe BWL studiert und war bei Siemens im Vertrieb. Die Druckerei Main Druckservice war eine der Druckereien, die unserem Onkel und unserer Tante sowie einem externen Partner gehörte, Berührungspunkte hatten wir mit dem Betrieb kaum. Es ging für uns auch nie darum, eine Druckerei zu führen. Es ging darum, Unternehmer zu sein. Die Branche war das Vehikel, nicht das Ziel.

Wir haben Main Druckservice gekauft. Von der eigenen Familie und von externen Partnern, nichts wurde uns geschenkt, nichts übertragen, nichts vererbt. Das bedeutete viel Schweiß und ein paar Tränen, und es ist der Grund, warum wir den Betrieb so führen, wie wir ihn führen: Wer eine Firma bezahlt hat, geht anders mit ihr um.

Mein Bruder Armin und ich machen das gemeinsam. Unter Brüdern ist das nicht immer leicht, man diskutiert härter, als man es mit einem fremden Geschäftspartner je täte, und nimmt manches abends mit nach Hause. Dafür gibt es etwas, das man nicht kaufen kann: Wir vertrauen einander zu hundert Prozent. Bei Entscheidungen, die schnell gehen müssen, ist das mehr wert als jede Gesellschaftervereinbarung.

Was wir produzieren

In einer klassischen Druckerei entscheidet der Druckplan, was heute läuft. Bei uns entscheidet das jemand, den wir nie sehen: ein Mensch, der sich für einen Fernlehrgang einschreibt. Sein Studienheft entsteht, weil es ihn gibt, nicht, weil ein Lager leer ist. Auflage 1, jeden Tag mehrere tausend Mal.

Main Druckservice produziert seit 2008 für einen Teil der Klett-Gruppe in Darmstadt. Seit dem neuen Rahmenvertrag mit der Klett-Gruppe zu Jahresbeginn produzieren wir in Hamburg-Rahlstedt Studienhefte für alle Fernlehrinstitute der Gruppe. Welche Mengen dabei gehen, zeigt der beste Tag des Sommers 2026: rund 11.000 fertige Bücher in anderthalb Schichten — in Auflage 1, also elftausend Mal ein einzelnes Exemplar. Das ist keine Auflagenproduktion mehr, das ist getaktete Logistik mit Druckmaschinen darin.

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"Übernommen" heißt nicht: einfach weitermachen

Mit dem Rahmenvertrag haben wir nicht nur Volumen übernommen, sondern eine gewachsene Inhouse-Produktion. Diese Hefte wurden jahrelang im Haus des Kunden selbst gedruckt, mit eigenen Abläufen, die exakt auf dieses eine Haus zugeschnitten waren. Wir mussten diese Prozesse übernehmen und im selben Atemzug austauschen: andere Maschinen, eine andere Drucktechnologie, ein anderer Takt. Gewachsene Abläufe lassen sich nicht kopieren. Man muss sie erst verstehen, bevor man sie ersetzen darf.

Der aufwändigste Teil daran war nicht die Technik. Wir haben über Monate sehr viel Zeit vor Ort verbracht, und das meiste davon floss nicht in Maschinen, sondern in Menschen: in Abläufe, die uns jemand erklären musste, in Gewohnheiten, die älter sind als unsere Firma, in Emotionen und in Ängste. Da standen Kolleginnen und Kollegen, deren Arbeitsplatz plötzlich zu einem anderen Unternehmen gehörte — zu uns, zu zwei Brüdern, die nicht aus dem Druck kommen. Diese Angst nimmt man niemandem mit einem Organigramm. Man nimmt sie, indem man da ist, zuhört und liefert, was man zugesagt hat.

Heute sind das unsere Leute.

Der Engpass sitzt oft nicht da, wo man ihn vermutet

Gedruckt wird auf einer Canon ColorStream im Endlosbetrieb, die ist selten das Problem. Eng wird es dahinter: Klebebindung und Dreiseitenschnitt. Unsere älteren Klebebinder waren langsamer als der Druck, also kam im Mai 2026 ein deutlich schnellerer Binder dazu. Das Muster wiederholt sich: Sobald man einen Engpass beseitigt, wandert er eine Station weiter, im Zweifel ins Personal. Wer über Book-on-Demand redet, sollte deshalb nicht über die Druckmaschine reden, sondern über alles danach. Wer über Print-on-Demand spricht und dabei über Druckmaschinen redet, hat den Prozess nicht verstanden. Interessant ist alles danach.

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Der Fadenzähler liegt in der Schublade

Ich weiß, dass dieser Satz in unserer Branche eine Provokation ist: Der Fadenzähler ist bei uns kein Thema mehr. Er löst kein Problem, das wir haben. Qualität, die davon abhängt, dass ein erfahrener Drucker im richtigen Moment hinschaut, ist kein Standard — das ist Glück. Bei elftausend Einzelexemplaren an einem Tag kann niemand hinschauen. Also muss vorher feststehen, was gut ist: in den Prozessen, in den Maschinenparametern, in der Datenannahme, in den Protokollen jeder Schicht. Was durchläuft, muss sitzen, weil der Prozess es erzwingt — nicht, weil jemand es im letzten Moment gerettet hat.

Und dann kommt der Teil, den Kollegen ungern hören: Der Student, der das Heft in die Hand nimmt, schert sich nicht um das letzte Prozent Auflösung. Er will ein Heft, das vollständig ist, das lesbar ist und das pünktlich da ist. Wer am Fadenzähler über Rasterpunkte diskutiert und darüber den Termin reißt, hat nicht die höhere Qualität geliefert. Er hat die falsche geliefert. Für uns ist der Prozess das Produkt.

Der eigentlich digitale Teil ist nicht die Maschine

Unsere Schichten schreiben Zählerstände, Rollenwechsel und Störungen weiter mit der Hand auf Protokollzettel. Diese Zettel sind unsere Rohdaten. Wir erfassen sie täglich und werten sie in einem selbst gebauten System aus: die Tagesleistung je Maschine, der Fluss vom Druck über die Bindung bis zum Schnitt, Papierreichweite, Rückstände je Lehrinstitut. Handschriftlich auf Papier, zwei Stunden später als Kurve auf dem Bildschirm für alle sichtbar, dieser Medienbruch ist ehrlicher als jede Hochglanz-Werkshalle in großen Druckereien.

Der interessanteste Schritt: Unsere Ansprechpartner bei Klett haben einen eigenen Zugang. Sie sehen den Bearbeitungsstand ihres Instituts selbst, mit Ampelfarben, statt bei uns anzurufen. Die Logik der Rückstandsanzeige haben wir auf Wunsch eines Klett-Kollegen sogar umgebaut. Ein Kunde, der die Kennzahlen seines Lieferanten mitentwickelt, das ist etwas anderes als ein Statusbericht zum Monatsende. Nebenbei messen wir damit auch unseren eigenen Output, und zwar sichtbar. Wer ihn bei Auflage 1 nicht misst, sieht ihn erst in der Rechnung.

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Die zweite Firma

Weil es uns nie nur um Druck ging, haben wir die Kuhse Media GmbH gegründet. Dort bilden wir aus, wir haben eine duale Studentin, und dort liegen unsere IT-Projekte für unsere eigenen Betriebe, die copy-druck GmbH und Main Druckservice, und für deren Kunden. Es geht um Workflow-Automatisierung, um Web2Print-Shops und um die Datenbereitstellung beim Kunden: dass ein Auftrag ohne Bruch in einen Print-on-Demand-Prozess läuft und die gesamte Fulfilment-Kette abgebildet wird, von der Datei bis zur Sendung. Wer Auflage 1 ernst meint, kann bei der Druckmaschine nicht aufhören. Über Erfolg oder Misserfolg entscheidet der Rest der Kette. Eine Druckerei, die ihre IT einkauft, wird nie schneller sein als ihr Lieferant. Uns war das zu langsam.

Blauer Engel, ihne dass ihn jemand verlangt hat

Wir haben uns nach dem Blauen Engel zertifizieren lassen. Kein einziger Auftrag verlangt das. Kein Kunde hat danach gefragt, keine Ausschreibung hängt daran, es bringt uns aktuell keinen Cent mehr Umsatz. Wir machen es, weil ich es will. Wer jeden Tag Millionen Seiten Papier durch eine Halle schickt, sollte sich nicht damit herausreden, dass der Markt es noch nicht fordert. Wenn wir Bildungsinhalte in Auflage 1 produzieren, um Makulatur zu vermeiden, dann ist es nur konsequent, auch den Rest der Prozesskette sauber zu führen. Wenn die Branche wartet, bis der Markt Nachhaltigkeit bezahlt, wird sie ewig warten.

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Nicolas Kuhse (LinkedIn-Profilseite), studierter Betriebswirt und ursprünglich B2B-Vertriebsfachmann bei Siemens, sattelte nach einer sechsjährigen Laufbahn um und erwarb zusammen mit seinem Bruder Armin eine Druckerei in Darmstadt. Aus der Erwerbung ist nach einem Umzug nach Hamburg mittlerweile eine kleine Firmengruppe geworden.

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