was agenten wirklich tun
Erlebtes aus drei Jahrzehnten Beziehungsarbeit. Auszug aus den Memoiren von Richard Charkin. Teil 2
Auch im zweiten Teil dieses Features nimmt Richard Charkin kein Blatt vor den Mund. Er erinnert sich an Streitigkeiten mit Literaturagenten, die ebenso einfallsreich wie nachtragend sein konnten, an einen Verlagsdeal, hinter dem politische Großwetterlagen standen, und an Bücher, die rund um die Welt reisten, ohne je gelesen zu werden. Er fragt, was den Wert eines Verlages wirklich determiniert, warum Londons Verlagswelt sich mal wieder neu erfindet – und welche Folgen der Brexit für ein Geschäft hat, das immer von Offenheit lebte. Wie sein zweiter Frühling als Verleger begann und was er nach fünfzig Jahren als Bilanz zieht, lesen Sie in Teil 1.

Published: 4.6.2026 | Foto / Video: Canon
Richard Charkins Erfahrung als Verleger ist in seiner Generation einzigartig. Im Laufe des vergangenen halben Jahrhunderts war er – zu unterschiedlichen Zeiten – als Verleger für wissenschaftliche und medizinische Publikationen, als Zeitschriftenverleger, als Digitalverleger und als Publikums-Verleger tätig. Er hat für Familienunternehmen, börsennotierte Unternehmen, universitäre Einrichtungen und Start-ups gearbeitet. In seinen Memoiren „My Back Pages“ (Marble Hill Publishers) schildert er die fundamentalen Veränderungen, die sich auf die Identität und die Praktiken des Verlagswesens ausgewirkt haben – nicht jedoch auf dessen Zweck. Wir publizieren einen Auszug aus den Memoiren, die bislang noch nicht auf Deutsch erschienen sind (Verlage, die Interesse haben, die deutschen Rechte zu kaufen, können sich gerne direkt an Richard Charkin wenden).
Was treibt einen Veteranen der Buchbranche dazu, im Alter von siebzig Jahren – zu einem Zeitpunkt, an dem andere den Ruhestand genießen – noch einmal ganz von vorn zu beginnen? Für Richard Charkin war die Gründung von Mensch Publishing im Jahr 2019 kein Streben nach dem Aufbau eines neuen Buch-Imperiums, sondern ein radikales Experiment im „DIY-Verlagswesen“. In einer Zeit, in der sich die großen Verlagshäuser zunehmend auf formelhafte Bestseller konzentrieren und das sogenannte „Midlist“-Segment – jene soliden, inhaltlich wertvollen Bücher ohne Massenmarkt-Garantie – vernachlässigen, setzt Charkin ein Gegengewicht. Sein Ansatz ist so unkonventionell wie ehrlich: keine Vorschüsse, dafür hohe Beteiligungen von 25 Prozent am tatsächlichen Erlös und eine transparente, schnelle Abrechnung.
Das folgende Kapitel gewährt einen intimen Einblick in die Mechanik eines modernen Kleinstverlags. Von der ersten Investition über 10.000 Pfund ins heimische Büro bis hin zur strategischen Bedeutung von Weltrechten und sozialen Medien beschreibt Charkin den Wandel einer Branche, die er seit den 1970er-Jahren kennt.
Wie Richard Charkin über Literaturagenten, den wahren Wert eines Verlags und ein Europa nach dem Brexit denkt, lesen Sie in Teil 2. Dort wird es persönlicher. Und an einer Stelle ausgesprochen unbequem.
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Publishing legend Richard Charkin on PoD-based publishing at Mensch Publishing
Etwa die Hälfte von Menschs Autoren wird von Literaturagenten vertreten. Es wäre schön gewesen, eine Geschichte des modernen Verlagswesens zu schreiben, ohne Agenten auch nur einmal zu erwähnen, aber ich sollte dies gleich zu Beginn relativieren: Ich hatte in den letzten dreißig Jahren das Vergnügen, mit vielen, oder zumindest einigen, ehrenwerten und talentierten Agenten Geschäfte zu machen. Ich sage dreißig Jahre, weil ich in den ersten zwanzig Jahren meiner Karriere kaum wusste, dass es sie überhaupt gab. Das spiegelt zum Teil die Art des Verlagswesens wider, in dem ich tätig war, aber ich habe auch den Eindruck, dass die Zahl der Literaturagenten im letzten halben Jahrhundert dramatisch gestiegen ist. Damals, 1972, wusste ich nicht einmal, dass es so etwas wie Literaturagenten gab. Es gab Autoren, die schrieben, Verleger, die Bücher in Auftrag gaben, redigierten, produzierten und vermarkteten. Es gab Druckereien und Buchhändler. Aber was machten Agenten eigentlich? Lange Zeit war das ein Rätsel. Bis zu einem gewissen Grad ist es das immer noch.
Eine der seltsameren Eigenschaften von Agenten ist, dass sie, obwohl sie Autoren kommerziell vertreten und somit von deren finanziellen Interessen geleitet werden, genauso irrational sein können wie die Autoren selbst. Die Überlegungen und Entscheidungen von Agenten wurden ebenso oft aus persönlichen wie aus finanziellen Gründen getroffen, und sie waren genauso anfällig für Launen und Groll wie ihre angeblich hochsensiblen „Talente“. Das wurde mir besonders deutlich, als ein alter Kollege aus meiner Zeit bei Reed, Charles Pick, Literaturagent wurde. Nachdem er den Bestsellerautor Wilbur Smith viele Jahre lang bei Heinemann verlegt hatte, wurde er direkt zu Wilburs Agenten – tatsächlich war er bei einem seiner letzten Aufträge in der unangenehmen Lage, beide Seiten des Vertrags zu unterzeichnen, einmal im Namen des Verlags und einmal im Namen des Autors. Später wechselte Pick mit Wilbur Smith von Heinemann zu Macmillan, war aber beleidigt, als er erfuhr, dass ich dort bald Geschäftsführer werden sollte. Er war so verärgert, dass er drohte, Wilbur zu einem anderen Verlag zu wechseln. Tatsächlich geschah nichts dergleichen. Nach Charles’ Tod trafen Wilbur und ich uns und verstanden uns auf Anhieb. Die Geschäftsbeziehung war gut und wurde zu einer Freundschaft.
Aber Agenten gehören ebenso wie Lektoren und Autoren zur Branche, und die Zusammenarbeit mit ihnen ist Teil des Jobs. Anfang der 1980er-Jahre wollte OUP ein Lehrbuch zum Marxismus in Auftrag geben, das verschiedene soziale, wirtschaftliche und kulturelle Themen abdecken sollte. Das war in der Zeit, als das Schlagwort Marxismus noch gute Verkaufszahlen versprach, und wir boten einen großzügigen Vorschuss von 2.000 Pfund für das Buch an. Der wissenschaftliche Autor bestand jedoch darauf, dass wir über seinen Agenten, Michael Sissons, verhandeln, der zu diesem Zeitpunkt bereits eine bekannte Größe in der Branche war. Ich schrieb an den Autor und setzte seinen Agenten in Kopie, um zu erklären, dass es in diesem speziellen Fall notwendig sei, den Vorschuss zu kürzen, da die Einbeziehung eines Agenten unweigerlich zu Verzögerungen und zusätzlichen Kosten führen würde. Nicht überraschend war Sissons wütend, aber wir bestanden darauf, dass dies nicht verhandelbar sei, und er akzeptierte das geringere Honorar – und natürlich musste der Autor die Provision an seinen Agenten abgeben.
Es dauerte nicht lange, bis Sissons sich revanchierte. Wir hatten die Schriftstellerin Margaret Drabble beauftragt, eine neue Ausgabe des Oxford Companion to English Literature herauszugeben. Die Herstellung eines solchen umfassenden Nachschlagewerks würde lange dauern, und so machte ich noch in der frühen Produktionsphase einen kleinen Seitenvertrag, der mir klug erschien: Ich vergab die Lizenz für die vergriffene Erstausgabe an Paul Hamlyn. Doch Sissons, der Drabble vertrat, bekam davon Wind und beharrte darauf, dass dies den Verkauf der künftigen Neuauflage beeinträchtigen würde. Er machte solch einen Aufstand, dass wir widerwillig zustimmten, die Vereinbarung zu stoppen, und Paul Hamlyn war großzügig genug, mir zu erlauben, den Lizenzvertrag ohne Strafzahlung zu kündigen.
Ich hatte seit einigen Jahren nicht mehr mit Sissons gesprochen, als ich Ende der 1990er-Jahre plötzlich einen Anruf von ihm bekam und um ein dringendes Treffen gebeten wurde. Es war mitten in einem Verlagsstreit und zugleich in einer Art geopolitischem Sturm. HarperCollins, damals wie heute im Besitz von Rupert Murdoch, hatte Chris Patten unter Vertrag genommen, um East and West zu schreiben, seinen Bericht über die Übergabe Hongkongs von Großbritannien an China aus der Perspektive des letzten Gouverneurs der britischen Kolonie. Die chinesische Regierung stand Patten seit Langem feindselig gegenüber und machte Rupert Murdoch, der zu diesem Zeitpunkt versuchte, sein Satellitenfernsehgeschäft nach China auszuweiten, ihr Missfallen deutlich. HarperCollins kündigte den Vertrag. Als Pattens Agent wollte Sissons nun unbedingt, dass Macmillan das Buch übernahm – es sei, sagte er, entscheidend, sich gegen die chinesische Zensur zu stellen und das Prinzip der freien Meinungsäußerung zu verteidigen, und außerdem hatte er mit einem sechsstelligen Vorschuss gerechnet. Unsere früheren Streitigkeiten waren rasch vergessen – wir nahmen das Buch gerne an, zahlten den Vorschuss und veröffentlichten ein Buch, das sich außerordentlich gut verkaufte, besonders in ganz Asien. Und von da an nahm mich Sissons, ein Vorstandsmitglied des MCC, zu Cricketspielen im Lord’s mit. Die Lektion im Geschäftsleben wie im Leben lautet: Lass dich nicht von Groll leiten.
Abgesehen von persönlichen Auseinandersetzungen und Freundschaften ist im Laufe der Jahre die Bedeutung von Agenten gewachsen und ihre Rolle breiter geworden – sie arbeiten mit Autoren zusammen, entwickeln Rechteverkäufe und bringen Marketingideen ein, zusätzlich zu ihrer Kernaufgabe, für ordentliche Vertragsbedingungen zu sorgen. Gleichzeitig haben Literaturagenten ihre Provision stetig und deutlich erhöht. Nach alter Sitte bekam der Gehilfe eines Barristers, der ja eigentlich als Agent fungiert, einen Schilling auf jede Guinea – was etwa 5 Prozent entspricht. Das galt auch für die meisten Literaturagenten, als ich meine Laufbahn im Verlagswesen begann; doch schon bald kletterte dieser Anteil auf 10 Prozent, und heute ist ein Satz von 15 Prozent die Norm. Das ist ein erheblicher Anstieg, besonders im Vergleich zu anderen Teilen in der Verlagswertschöpfungskette wie Druckereien und Vertriebsunternehmen, deren Anteil gesunken ist. Um dies zu rechtfertigen, mussten Agenten mehr Aufgaben im Namen des Autors übernehmen – sie übernahmen den Bereich Audio- und Übersetzungsrechte und zunächst auch die digitalen Rechte. Je mehr Rechte einem Verlag vorenthalten werden, desto weniger Verantwortung bleibt ihm, und der Verlag ist mehr und mehr zu einem Finanzier und Vermarkter als zu einem redaktionellen und verlegerischen Partner geworden.
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Wie ein moderner Kleinstverlag heute reüssiert. Auszug aus den Memoiren von Richard Charkin
Print-on-Demand und der Fluch der Buchremissionen
Die Hälfte von Menschs Büchern wird inzwischen im Print-on-Demand-Verfahren produziert. Sie werden nicht auf dem üblichen Weg vertrieben und haben keine Vertriebsmannschaft im Rücken. Sie werden nicht in großem Umfang in Buchhandlungen vorrätig sein, aber die Leute kaufen sie aufgrund von Werbung und Mundpropaganda. Es gibt in einigen Kreisen noch Widerstände, doch viele der Einwände gegen Print-on-Demand gelten heute nicht mehr. Eine Zeit lang hatte man Bedenken wegen Gestaltung, Produktionsqualität und der Frage, ob diese mit der Qualität eines traditionell gedruckten Buches mithalten könne. Doch das sollte inzwischen kein Problem mehr sein – wenn ich Exemplare von Mensch-Büchern vorzeige, von denen einige im Print-on-Demand-Verfahren produziert wurden und andere nicht, können selbst Leute, die im Verlagswesen gearbeitet haben, keinen Unterschied erkennen. Rein produktionstechnisch ist Print-on-Demand zwar pro Exemplar teurer, aber es fallen nicht nur keine hohen Vorlaufkosten für Massendruck an, sondern vor allem entfallen viele Kosten für Lagerung und Transport. Das ist besonders wichtig, wenn es um den internationalen Vertrieb geht. Wollte ein Verlag derzeit eine weltweite gleichzeitige Veröffentlichung durchführen, müsste er mindestens drei Monate einplanen, um den Bestand in alle Zielmärkte zu bringen; mit Print-on-Demand ist es dagegen möglich, die Dateien elektronisch zu verschicken und sie dann dort drucken zu lassen, wo und wann sie gebraucht werden.
In dieser Hinsicht hilft Print-on-Demand, eines der großen Probleme des modernen Verlagswesens anzugehen – die Remissionen. In meinen frühen Jahren im Verlagswesen war das nie ein Thema; Bücher wurden früher „fest“ verkauft, und vom Käufer, also den Buchhandlungen, wurde nicht erwartet, dass sie sie zurückgaben, außer es lag ein besonderer Grund vor, etwa ein Druckfehler. Am alten Tresen in Harraps Büro in Holborn kamen Buchhändler herein und nahmen Bücher mit – sie brachten nur selten welche zurück. Doch im Laufe der 1990er-Jahre begann sich das zu ändern. Als Supermärkte und Filialketten den Markt zu dominieren begannen, gaben sie große Bestellungen in der Annahme auf, dass sie unverkaufte Ware zurückgeben könnten, und anders als unabhängige Buchhandlungen hatten sie weder das gleiche Verständnis für ihren Markt noch die gleiche genaue Kontrolle darüber, was sie einkauften und verkauften. Die Verlage ließen sich darauf ein, allzu gierig darauf, große Bestellungen zu sichern, egal zu welchen Bedingungen – und die Folgen waren ausgesprochen katastrophal. Da das Prinzip des festen Verkaufs nicht mehr galt, werden Bücher heute häufig in enormen Mengen zurückgegeben. Bei Inflation ist es sogar schon vorgekommen, dass zurückgebende Buchhändler Gewinn machten, weil sie Bücher zu einem höheren Preis zurückgaben, als sie sie bestellt hatten.
Neben der kommerziellen Dringlichkeit ist der Klimawandel der zweite große Motor für Veränderungen – und damit das Ziel der Verlagsbranche, die Netto-Null-Emissionen zu erreichen. Das heutige Druck- und Vertriebssystem ist in Bezug auf seine Umweltauswirkungen inakzeptabel. Die Herstellung von Frischfaserpapier aus Holz ist äußerst energieintensiv, und die Druckindustrie soll bis zu 4 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs ausmachen. Hinzu kommt der enorme Wasserbedarf bei der Herstellung von Frischfaserpapier, der auf bis zu zehn Liter pro A4-Blatt geschätzt wird. Jahrhundertelang stellte OUP sein eigenes Papier vor den Toren Oxfords her – nach heutigen Maßstäben war das sicher ineffizient, doch die Produktion wurde von einer Wassermühle angetrieben, und die Papierbögen wurden nur eine kurze Strecke zur Druckerei gebracht. Der Import von Papier und das Outsourcen an Druckereien im ganzen Land senkten zwar die Kosten, erhöhten aber den ökologischen Fußabdruck. In den letzten drei Jahrzehnten, als immer mehr britische Verlage auf Druckereien in Asien umstiegen, sind die mit Herstellung und Transport von Büchern verbundenen CO₂-Emissionen um ein Vielfaches gestiegen. Rechnet man die Remissionen hinzu, wird daraus eine regelrechte Umweltkatastrophe.
Mitte der 1990er-Jahre besuchte ich auf einer Australienreise Budget Books, ein Unternehmen etwas außerhalb von Melbourne, das Reed von der Gründerfamilie Ungar übernommen hatte. Es handelte sich um einen Kinderbuchverlag für den Massenmarkt, der auf Supermärkte und Zeitungskioske ausgerichtet war. Robert Ungar, der Geschäftsführer, führte uns durch die modernen und gut organisierten Büros und dann, auf meinen Wunsch, in das angrenzende Lager. Dort stieß ich auf riesige Stapel staubbedeckter Science-Fiction- und Western-Taschenbücher, meist aus den 1950er-Jahren. Ungar sagte, er habe sie billig von einem amerikanischen Restpostenhändler erworben, und ich riet ihm, sie loszuwerden – das gehöre nicht zum Geschäft, und sie nähmen nur Platz weg. Als ich ein Jahr später zurückkam, war das Lager geleert und alles war verschwunden. Als ich jedoch auf derselben Reise weiter nach Neuseeland fuhr, um unsere Heinemann-Niederlassung zu besuchen, stellte ich entsetzt fest, dass genau dieser Bestand nun dort lag. Der Geschäftsführer von Heinemann NZ sagte mir, er habe sie billig von Budget Books gekauft. Verärgert merkte ich an, dass diese Bücher von verschiedenen Verlagen in Amerika nicht verkauft worden seien, in Australien nicht verkauft worden seien und nun auch in Auckland nicht verkauft würden. Das, sagte ich ihm, müsse doch sicher das Ende der Nahrungskette sein. „Ach nein“, antwortete er, „Sie vergessen die Cookinseln.“
Wer weiß, ob sie noch immer im Südpazifik im Umlauf sind, aber Tatsache bleibt, dass eine große Zahl von Büchern im Ausland gedruckt, nach Großbritannien zurückgebracht und weltweit verteilt wird, um in Regalen zu stehen oder in Lagern Staub anzusetzen, bevor sie wieder zurückgeschickt und schließlich zu Altpapier verarbeitet werden. Über Jahrzehnte hinweg war der CO₂-Fußabdruck dieses ständigen Hin- und Hertransportierens von Lagerbeständen beträchtlich, und aus wirtschaftlichen wie ökologischen Gründen muss damit Schluss sein.
Wie bewertet man ein Verlagsunternehmen?
Während ich dies schreibe, hat Bloomsbury einen Aktienkurs von 430 Pence und eine Marktkapitalisierung von 350 Millionen Pfund, bei einem jüngsten Jahresumsatz von 185 Millionen Pfund und einem Gewinn von 27 Millionen Pfund. Das alles wirkt sehr solide, aber wie viel ist das Unternehmen wirklich wert? Es hat mich viele Jahre in der Branche und eine finanzielle Ausbildung an der Harvard Business School gekostet, um zu verstehen, wie formbar die Gewinnangaben eines Verlags sein können. In vielen Fällen spiegeln die Umsätze und Verluste der verschiedenen Abteilungen teilweise die interne Politik wider. Wer sich am bittersten und überzeugendsten über zugewiesene zentrale Gemeinkosten beschwert, ist profitabler. In sehr großen Konzernen ist es jedoch häufiger so, dass die lukrativsten Aktivitäten heruntergespielt und umgeschichtet werden, damit sie nicht das Interesse staatlicher Regulierungsbehörden wecken.
Trotz dieser finanziellen Spielereien bleibt es dabei, dass das allgemeine Buchverlagswesen historisch gesehen ein Geschäft mit niedrigen Gewinnen war. Es stimmt auch, dass kaum ein Verlag wirklich bankrottgeht. Meistens werden sie, bevor sie untergehen, aufgekauft – und das nicht selten für beträchtliche Summen. Frederick Warne & Co., ein nicht besonders gut geführter Verlag für Kinder- und Naturkundebücher, stand kurz vor dem Aus, bevor er Anfang der 1980er-Jahre von Penguin für mehrere Millionen Pfund übernommen wurde. Der Grund war, dass in seinen Verträgen die Werke von Beatrix Potter lagen. Der Wert eines Verlags spiegelt sich also nicht unbedingt in Gewinn- und Verlustrechnung oder Bilanz wider. Häufiger liegt er in den immateriellen Vermögenswerten in Form von Autorenverträgen – schwerer zu bewerten, aber langlebiger als der Gewinn oder die Dividende des letzten Jahres.
Wie viel ist Mensch also wert? Im letzten vollständigen Geschäftsjahr erzielte das Unternehmen einen Umsatz von rund 150.000 Pfund und einen Gewinn von etwa 40.000 Pfund, vor meiner Vergütung. Es hat eine wachsende Liste von zwanzig Titeln mit dazugehörigem Bestand, für die jeweils die volle Urheberrechtsdauer und weltweite Rechte in allen Sprachen bestehen. Die meisten Bücher verkaufen sich nur in kleinen Mengen, einige verkaufen sich stetig, und jedes einzelne könnte noch durch eine Meldung in den Medien oder eine Erwähnung in den sozialen Netzwerken einen unerwarteten Schub erhalten. Für einen der Titel wurde kürzlich von einem Hollywood-Produzenten eine Filmoption erworben, und es ist immer möglich, dass in zehn Jahren ein weiteres Buch für eine Verfilmung aufgegriffen wird. Es gibt natürlich auch einige Verbindlichkeiten – Lagerkosten für den Bestand und ein Verwaltungssystem, das Tantiemen auszahlt. Der Punkt ist: Für ein „Lifestyle-Unternehmen“, das ich in dem Jahr gegründet habe, in dem ich siebzig wurde, ist es möglich, einen Verlag aufzubauen, der zumindest theoretisch für zwei Drittel seines Jahresumsatzes, also etwa 100.000 Pfund, verkauft werden könnte. Der weitere Punkt ist, dass Unternehmen wie dieses wirklich ziemlich schwer zu bewerten sind. Es wird zwar enorm viel Energie in die Prognose von Buchverkäufen und Umsätzen gesteckt, aber allzu oft denken Verlage nicht genug über den Wert der geistigen Eigentumsrechte und der Autorenverträge nach.
Die wandelbare Geografie des Londoner Verlagswesens
Menschs Büro ist das Arbeitszimmer meines Hauses in Hackney. Die Cafés in der Nachbarschaft versorgen mich tagsüber mit Kaffee und Verpflegung, und ich habe alle Geräte für Kommunikation, die ich mir nur wünschen könnte. Ein Unternehmen von zu Hause aus zu führen, ist heute üblich, und noch mehr seit der Covid-Pandemie; kein einziges Mal habe ich daran gedacht, ein Büro im Zentrum Londons anzumieten. Das scheint so selbstverständlich, dass man leicht vergisst, wie sehr sich die Dinge verändert haben oder dass es einmal ein einziges „Zentrum“ für das Londoner Verlagswesen gab. Als ich bei Harrap anfing, war es so, dass man im Verlagswesen mit ziemlicher Sicherheit im Londoner West End, in Bloomsbury oder in dessen Nähe ansässig war – ähnlich wie man bei Zeitungen in der Fleet Street saß. Das lag zum Teil daran, dass es von Vorteil war, in der Nähe der wichtigsten Buchhandlungen zu sein. Aber fünfzig Jahre sind auf dem Immobilienmarkt eine sehr lange Zeit, und die Wirtschaftsgeografie Londons unterscheidet sich stark von derjenigen des Jahres 1972.
Man kann sich heute kaum noch vorstellen, dass ein Verlag Hauptmieter des Michelin House wäre, das inzwischen offenbar von Finanzberatern und Fondsmanagern genutzt wird. Als ich bei Macmillan war, lief 2002 der Mietvertrag unserer Büros in der Eccleston Place in Victoria aus, und wir entschieden uns für einen Umzug nach King’s Cross. Wir fanden Räume am Kanal in der New Wharf Road, in der Nähe der Nature-Büros, die uns bereits gehörten, und die zuvor eine Fabrik für Billigschmuck gewesen waren. Wir kauften das Grundstück für 900.000 Pfund und gaben weitere 3 Millionen aus, um es zu entgiften und umzubauen, damit dort bis zu 200 Menschen arbeiten konnten. Das war bei Weitem kein populärer Umzug: Viele wollten SW1 nur ungern verlassen, und King’s Cross galt damals noch als Gegend mit üblem Ruf und Straßenkriminalität. Der einzige andere Verlag in der Gegend, Phaidon, zahlte seinen Mitarbeiterinnen nach 19 Uhr Taxis für den 300-Yard-Weg vom Büro zum Bahnhof.
Zwanzig Jahre später sieht es so aus, als sei der Kauf der Nature-Büros eine der besten Investitionsentscheidungen gewesen, die Macmillan je getroffen hat, mit Google, Facebook und vielen anderen als Nachbarn. London hat heute nicht mehr wirklich ein Zentrum für Verlage in der Form, wie es das vor fünfzig Jahren hatte. Man muss nicht mehr in der Nähe der Buchhandlungen in der Charing Cross Road sein, und die Zeiten, in denen Buchhändler in die Verlagsbüros kamen und aus ihnen hinausgingen, um Bestellungen aufzugeben, sind längst vorbei. Dennoch hat Bloomsbury seine Bedeutung bewahrt, und es ist auffällig, dass so viele Verlage nur wenige Türen von den alten Büros von Harrap entfernt sitzen – auch wenn ich bezweifle, dass die Redakteure mittags noch im Saloon Bar des Princess Louise trinken; und der Snooker-Saal hat inzwischen geschlossen. Eines ist allerdings weitgehend gleich geblieben: Londons einzigartige Bedeutung für das britische Verlagswesen. Kaum eine andere Branche, selbst nicht Finanzdienstleistungen oder Werbung, ist so eng mit der Hauptstadt verbunden. Von Oxford und Cambridge abgesehen, die international anerkannte Zentren für wissenschaftliches und pädagogisches Verlagswesen geworden sind, gibt es keine echten Rivalen für London als Standort allgemeiner Buchverlage, trotz gelegentlicher Versuche größerer Verlagsgruppen, außerhalb der Hauptstadt Fuß zu fassen. Das ist einerseits problematisch, andererseits aber auch ein Grund für den Erfolg des britischen Verlagswesens. Es ist schade, dass junge, talentierte Lektoren oder Verleger nach London kommen müssen, um in der Branche voranzukommen – besonders, wenn sie im Publikumsverlag arbeiten. Andererseits sind es gerade die hohe Konzentration der verlegerischen Aktivitäten in London, die Dichte der Netzwerke und die Spezialkenntnisse in Redaktion, Produktion, Rechteverhandlung und vielem mehr, die das britische Verlagswesen zu einer solchen Kraft machen. Trotz aller Revolutionen in Technologie und Kommunikation ist das heute noch genauso der Fall wie 1972.
Ein internationaler Verleger in einer Welt nach dem Brexit
Meine Verlagskarriere fiel nahezu genau mit der Mitgliedschaft Großbritanniens in den Europäischen Gemeinschaften zusammen. Im Januar 1972, also in dem Monat, in dem ich bei Harrap anfing, unterzeichnete Premierminister Edward Heath den Vertrag, der den Weg für den Beitritt des Vereinigten Königreichs zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft ebnete. Neunundvierzig Jahre später, Anfang 2021, verließ das Vereinigte Königreich offiziell die Europäische Union. Während eines Großteils dieser Zeit war ich in der einen oder anderen Form ein europäischer Verleger – sei es wegen der Eigentümer der Unternehmen selbst, britisch, niederländisch und deutsch, wegen der Redakteure und Kollegen, mit denen ich zusammenarbeitete, oder wegen des Hauptmarktes und der Leserschaft vieler Titel, die ich veröffentlichte. Ich habe die Frankfurter Buchmesse etwa fünfzig Mal besucht und ihre kosmopolitischen und multikulturellen Werte immer geschätzt.
Ein Thema, das in Gesprächen oft zur Sprache kommt, ist die Frage, ob das Vereinigte Königreich und insbesondere London noch immer das globale Zentrum des Verlagswesens ist, das es einst war. Die letzten Jahre haben in mir erhebliche Zweifel geweckt. Dafür gibt es einen offensichtlichen Grund: Die Folgen des EU-Austritts sind größtenteils erst noch zu spüren, doch schon jetzt ist unsere Branche ärmer geworden durch die Barrieren, die zwischen uns und der enormen Kreativität sowie den riesigen Märkten des Kontinents errichtet wurden.
Wenn es ums Verlagswesen geht, gibt es einige Dinge, die besondere Aufmerksamkeit und erhebliche Sorge verdienen. Zunächst einmal wurde die Brexit-Kampagne zu einem großen Teil von dem Wunsch getragen, Einwanderung einzudämmen und dem Prinzip der Freizügigkeit innerhalb der EU zu „entkommen“. Was auch immer die liberaleren Befürworter des Brexit behauptet haben mögen, hat dies zu einer allgemeineren Formalisierung von Rassismus, zu einer „hostile environment“-Politik und zur Absurdität geführt, andere Länder dafür zu bestechen, Geflüchtete aufzunehmen, die nach Großbritannien geflohen sind. Das ist nicht nur unmenschlich, sondern ein schlimmer Verrat an den besten Werten des Landes. Großbritannien war es, das, als ein großer Teil der Welt in den Autoritarismus abglitt, meinen eigenen Großeltern aus Osteuropa Zuflucht gewährte und ihnen erlaubte, ihr Leben neu aufzubauen. Es ist ein Land, das in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine kulturell, wissenschaftlich, wirtschaftlich und im Bildungsbereich vielfältige Gesellschaft aufgebaut hat, auf die ich sehr stolz bin.
Für Beobachter des britischen Verlagswesens in dieser Zeit ist das besonders bedrückend. Ein beständiges Thema seit dem Zweiten Weltkrieg ist, wie Einfallsreichtum, Energie und unternehmerischer Geist europäischer Einwanderer eine Schlüsselrolle bei der Umgestaltung und dem Wachstum der Verlagsbranche gespielt haben. Ob wissenschaftlicher Zeitschriftenverlag, Kunstgeschichte oder der Markt für großformatige Bildbände – immer wieder waren die großen Innovatoren Einwanderer. Viele von ihnen, etwa Paul Hamlyn, Walter und Eva Neurath, Andre Deutsch, Robert Maxwell, Ernest Hecht und viele andere, waren die Asylsuchenden ihrer Zeit – Menschen, die vor Unterdrückung und Gewalt flohen und mit wenig mehr als ihren Talenten und ihrer Arbeitsmoral ankamen. Die Freizügigkeit zu beenden und Flüchtlinge so zu behandeln, dass es für die künftigen Paul Hamlyns nahezu unmöglich wird, in dieses Land zu kommen, ist ein sicherer Weg, die langfristigen Aussichten des britischen Verlagswesens – und vieler anderer Branchen – zu beschädigen.
Der andere todsichere Weg, die Zukunft des Verlagswesens zu ruinieren, liegt in den unbeholfenen Bemühungen der Regierung, uns weiter von den Regeln und Arbeitspraktiken des übrigen europäischen Verlagswesens zu entfernen. In der Verzweiflung, dem Brexit doch noch Vorteile abzuringen und irgendwie Nutzen aus dem Austritt aus dem größten Binnenmarkt der Welt zu ziehen, wurde viel über regulatorische Divergenz gesprochen. Doch wenn es um das Verlagswesen geht, betreffen die wichtigsten Regeln das geistige Eigentum, und diese müssen durch transnationale Gremien vereinbart werden, statt der kleinlichen Ablehnung des Völkerrechts durch die britische Regierung unterworfen zu sein.
By courtesy of the author and Marble Hill Publishers.

Richard Charkin (LinkedIn-Profilseite) ist ehemaliger Präsident der International Publishers Association und der Publishers Association im Vereinigten Königreich. Elf Jahre lang war er Geschäftsführer von Bloomsbury Publishing Plc. Er hatte zahlreiche Führungspositionen bei großen Verlagen inne, darunter Macmillan, Oxford University Press, Current Science Group und Reed Elsevier. Im Jahr 2019 gründete er Mensch Publishing, das er seitdem leitet.

